Ein Herz für Streuner
Ein Herz für Streuner
Gebt Streunern ein Zuhause!

Die Friedhofskolonie

Im August 2012 wurde ich gebeten, bei der Versorgung einer Streunerkolonie in Bochum-Langendreer zu helfen, die dort bereits seit Jahren lebte und sich mehr oder weniger fleißig vermehrte. Eine ältere Dame hatte es sich zur Aufgabe gemacht, täglich dort zu füttern, und mehrere Tiere waren schon sehr zutraulich geworden. Leider erkrankte diese Dame schwer und verweilte längere Zeit im Krankenhaus, bis sie schließlich verstarb. 18 Katzen verloren auf diese Art und Weise auf einen Schlag ihre Betreuerin und wären von diesem Zeitpunkt an unversorgt geblieben, wenn sich nicht eine Lösung gefunden hätte. Vier Frauen teilten sich fortan die Aufgabe, die Tiere regelmäßig zu füttern und ggf. tierärztlich zu versorgen – eine dieser Frauen war ich.

Als ich zum ersten Mal an die Futterstelle kam, war ich schockiert: mehr als zehn Katzen liefen dort herum, und jedes Mal, wenn ich wieder dorthin kam, entdeckte ich ein Tier, das zuvor noch nicht dabei gewesen war. Nachdem ich schließlich mit der Gruppe vertraut geworden war und alle Tiere kennen gelernt hatte, konnte ich mit Sicherheit sagen, dass zu dieser Kolonie – zunächst noch – 16 Tiere gehörten, darunter zwei Welpen. Weitere zwei Welpen kamen einige Wochen später hinzu.

Ich erfuhr, dass vor einigen Jahren bereits eine Fangaktion an dieser Stelle stattgefunden hatte. Mehrere Katzen und Kater waren von Tierschützern eingefangen und kastriert worden. Anschließend hatte man sie wieder in der Kolonie ausgesetzt. Wo hätte man sie auch sonst unterbringen sollen? Das Tierheim nimmt keine Streunerkatzen auf, weil man sie für nicht vermittelbar hält. Es heißt, Streuner seien das Leben draußen gewohnt und nicht an Haus oder Wohnung zu gewöhnen. Außerdem seien sie so scheu, dass es so gut wie unmöglich ist, sie anzufassen und sie im Notfall einem Tierarzt vorzustellen. Dass das so nicht stimmt, davon konnte ich mich allerdings oft genug selbst überzeugen.


Die ersten Erfolge

Nicht einmal die Hälfte der Bochumer Friedhofskatzen war kastriert, als ich mit der Betreuung der Tiere begann. Also beschloss ich, mich in die Kunst des Katzenfangens einweihen zu lassen, um weiterer Vermehrung vorzubeugen. Zunächst klappte es mit dem Fangen auch sehr gut. Gleich beim ersten Mal gingen zwei erwachsene Tiere in die Falle, ein Männchen und ein Weibchen, beide noch nicht kastriert. Da ich am nächsten Nachmittag einen Termin zur Kastration für bis zu drei Tiere gemacht hatte, ging ich am Morgen zuvor erneut auf die Pirsch. Diesmal hatte ich mich mit einer Zugfalle ausgerüstet, damit nicht eines der Tiere in die Falle ginge, von denen ich wusste, dass sie bereits kastriert waren. Die Falle stand erst wenige Minuten bereit, als ein miauendes Häufchen Katze aus dem Gebüsch getrippelt kam und zielstrebig auf das Futter in der Falle zu krabbelte. Nun war guter Rat teuer: sollte ich die Falle zuziehen oder nicht? Es heißt, Streunerbabies lassen sich nicht sozialisieren, wenn sie schon zu alt sind. Zu alt sind sie ab der elften Woche. Dann lässt man sie lieber an der Fangstelle, bis sie alt genug sind, dass man sie kastrieren lassen kann. Meine Freundin Claudia, die mich bei meiner Fangaktion unterstützte und sich gut mit Katzen auskennt, schätzte das Kerlchen auf 12 Wochen. Also eigentlich schon zu alt. Andererseits – was man hat, das hat man. Warum also nicht mitnehmen und ggf. so lange unterbringen, bis das Tierchen alt genug zum Kastrieren ist? Und vielleicht kann man es ja doch an den Menschen gewöhnen? Ohne noch lange zu überlegen, wurde die Falle also zugezogen, das Kätzchen in eine Transportbox umgesetzt und die Falle wieder aufgestellt. Wieder nur wenige Minuten später erschien ein zweites Häuflein Katze und krabbelte ebenso zielstrebig aus dem Gebüsch und direkt in die Falle. Und wieder zog ich die Falle zu und fuhr dann mit den beiden kleinen Tigerchen zu mir nach Hause. Und so wurde dies also der Tag, an dem ich die ersten Streuner bei mir aufnahm: Pepe und Pepito, möglicherweise zwei Brüderchen.

Die Kolonie soll verschwinden

Ein paar Tage nachdem ich Pepe und Pepito mitgenommen hatte, krabbelte noch ein kleines schwarzes Katerchen aus dem Gebüsch, das völlig verschnupft war. An der Nase hing dicker gelber Schleim, und der Kleine sah ziemlich elend aus. Ihn konnte ich in einer privaten Krankenstation unterbringen, wo er gesund gepflegt und anschließend in ein wunderbares Zuhause vermittelt wurde. Das letzte Jungtier wollte ich dann auch nicht mehr allein unter all den Großen zurück lassen und nahm es zu mir in Pflege.

Bis auf die alte Urmutter und eine jüngere Katze gelang es mir nach und nach, alle Katzen der Kolonie zum Kastrieren einzufangen. Aber ich wollte nicht aufgeben und zog immer wieder los, um mein Glück zu versuchen.

 

Eines Tages war ich gerade dabei, Futter an die verbliebenen Streuner zu verteilen, als zwei Friedhofsgärtner auf mich zukamen und mir mitteilten, dass von nun an nicht mehr gefüttert werden durfte. Es hatte Beschwerden über die Katzen von einzelnen Friedhofsgängern gegeben, und die Katzen sollten verschwinden. Natürlich informierte ich auch die beiden anderen Betreuerinnen der Futterstelle, und bald machte die Nachricht die Runde in der ganzen Kleingartenanlage, die an den Friedhof grenzt, und noch darüber hinaus.

Im Folgenden wurde ein großes Drama aus der Geschichte, weil der Großteil der Gartenbesitzer nicht wollte, dass die Katzen vertrieben würden. Die Presse wurde eingeschaltet, es fand eine Aussprache mit dem Pastor statt, und letzten Endes stellte sich heraus, dass es mehr Befürworter als Gegner der Futterstelle am Friedhof gab.

Da die Katzenkolonie tatsächlich sehr groß war, wurde im Gespräch mit dem Pfarrer ein Kompromiss ausgehandelt: Die Gruppe sollte auf die Hälfte der Tiere reduziert werden. Von den bis dato an der Stelle verbliebenen 13 Katzen (vier Jungtiere und den einäugigen Kater Tiere hatte ich vermittelt) sollten noch mindestens sechs dort weg gefangen werden.

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Das Fangen geht weiter

Dumm war nun, dass alle jüngeren Tiere gerade erst Bekanntschaft mit der Falle gemacht hatten. Würden sie so dumm sein, ein zweites Mal hinein zu tappen? Und wohin überhaupt mit den sechs Tieren?

 

Über die Katzenhilfe Bochum wurde eine Anzeige geschaltet. Und tatsächlich meldete sich eine liebe Frau, die drei der Streuner in ihrem riesigen Garten unterbringen wollte. Festsetzen könnte man sie dort in der geräumigen Gartenlaube. Die Dame hatte sich drei Tiere ausgesucht, die es also nun zu fangen galt: einge getigerte Katze, einen schwarz-weißen und einen braun getigerten Kater.

 

Wie zu erwarten, trauten sich die Katzen nicht in die Falle. Es brauchte viel Zeit, Geduld und Tricks, bis ich schließlich alle drei eingefangen hatte und sie in ihr neues Zuhause nach Dortmund bringen konnte.

 

Für weitere Tiere gab es leider keine Interessenten. Ich hatte allerdings die Information bekommen, dass es in Rösrath ein privates Tierheim gäbe, wo man auch Streuner aufnähme. An dieses Heim wandte ich mich also und bekam auch die Zusage, dass ich zwei Streuner dort abgeben könnte, sobald sie in die Falle gingen.

Stella
Carlito

Ich setzte mir zum Ziel, den ältesten aber freundlichsten Kater und die alte Urmutter einzufangen. Der Kater hatte aufgrund seines netten Wesens gute Vermittlungschancen, und die Katze musste ohnehin zwecks Kastration eingefangen werden. Das war mir nämlich bis dahin immer noch nicht gelungen.

 

Wieder verbrachte ich einige erfolglose Tage damit, mich auf dem Friedhof auf die Lauer zu legen, bis es mir endlich doch gelang, Kater und Katze einzufangen. Einen Tag nach der Kastration der Katze konnten beide nach Rösrath gebracht werden. Dort kamen sie als Bella und Bosco in die Liste der zu vermittelnden Tiere.

 

Bosco
Bella

 

Dann nahm ich noch eine süße, verschmuste Katze mit, von der ich annahm, dass sie leicht zu vermitteln wäre. Damit war aber immer noch nicht Schluss mit Fangen. Denn eine der Betreuerinnen hatte den liebenswerten schwarzen Kater inzwischen so ins Herz geschlossen, dass sie ihn bei sich zuhause aufnehmen wollte.

 

Der Kater hatte aber eine Partnerin, wie es schien. Denn eine getigerte Katzendame begrüßte er immer ganz besonders innig, wenn die Beiden sich an der Futterstelle trafen. Manchmal kamen sie auch zusammen dort hin oder gingen zusammen wieder weg. Damit die Beiden sich nicht vermissen würden, wurde beschlossen, ihnen zusammen ein Zuhause zu geben.

 

Kein Happy End

Außer den Jungtieren haben nur der einäugige Kater, die schmusige Tiger-Katze, und Stella mit den beiden Katern auf Dauer ein gutes Zuhause gefunden.

 

Bella und Bosco konnten leider nicht vermittelt werden. Nach drei Monaten im Heim in Rösrath, habe ich sie kurzerhand wieder abgeholt und am Friedhof in die Freiheit entlassen. Dort haben sie sich auch schnell wieder zurecht gefunden, und Bosco streicht seinen Betreuerinnen immer liebevoll um die Beine und lässt sich gerne den Kopf kraulen. Bella hingegen ist die alte Zicke geblieben: Menschen gegenüber sehr scheu, Katzen gegenüber absolut frech und dominant.

 

Pascha, ein älterer Kater, der sowieso schon etwas kränklich war, wurde versehentlich in einem Gartenhaus eingesperrt. Als man ihn nach längerer Zeit fand, konnte man ihm leider nicht mehr helfen. Er musste eingeschläfert werden.

 

Der schwarze Kater ist eines Tages aus seinem neuen Zuhause ausgebüxt und hat den Weg zurück zum Friedhof auch gleich gefunden. Seine Freundin ist ihm später gefolgt.

Nun ist es zwar nicht bei den versprochenen sechs Tieren am Friedhof geblieben. Aber die nun dort lebenden acht fallen bei Weitem nicht so auf wie zuvor die achtzehn Katzen. Und vermehren können sie sich ja nun nicht mehr.