Ein Herz für Streuner
Ein Herz für Streuner
Gebt Streunern ein Zuhause!

Zwei Streuner im Badezimmer

Robbie im Sommer an der Futterstelle

Zwei Wochen, nachdem Pepe und Pepito umgezogen waren, kehrte ich wieder einmal erfolgreich von einer Fangaktion am Friedhof Langendreer zurück. Mitgebracht hatte ich einen etwas älteren einäugigen Kater und ein Katzenbaby. Der alte Kater lebte schon seit vielen Jahren an der Futterstelle. Ein Kleingärtner hatte ihm mit einem Luftgewehr ein Auge ausgeschossen, weil er Katzen hasste und der Kater sich des öfteren in seinem Garten aufhielt. Ich wusste, dass dieses Tier bereits vor Jahren kastriert worden war. Wahrscheinlich hatte man es damals eingefangen, um es zu kastrieren und zugleich das Auge ärztlich versorgen zu lassen. Obwohl der Kater also schon schlimme Erfahrungen mit Menschen gemacht haben musste, war er draußen an der Futterstelle das liebenswerteste und zutraulichste Tier der Kolonie. Sobald man anfing, das Futter aus der Tasche zu nehmen, um es in Näpfe zu füllen, strich der Einäugige seinem Futterspender um die Beine, schnurrte und ließ sich gerne kraulen. Im Sommer war mir aufgefallen, dass dieser Kater mehrere kahle Stellen im Fell hatte, die schuppig aussahen – etwa wie von Schuppenflechte befallene Hautstellen beim Menschen. Deswegen wollte ich das Tier schon vom ersten Tag meiner Fangaktion an mit einfangen und dem Tierarzt vorstellen.

 

Da es sehr schwierig ist, Katzen, die einmal in einer Falle gesessen haben, ein zweites Mal hinein zu locken, musste ich den armen alten Kater vorerst seinem Schicksal überlassen. Allmählich neigte sich dann aber die Sommerzeit dem Ende entgegen. Das Wetter wurde schlechter, es wurde kälter und das Fell des Katers lichtete sich immer mehr. Wenn ich zum Füttern die Kolonie aufsuchte und der arme Wicht sich an mich drückte, hatte ich den Eindruck, dass er fror. Denn er ließ sich richtig in den Arm nehmen, als ob ihm die Körperwärme gut täte.

Tobie an der Futterstelle mit seiner "Oma"

An einem kalten Tag im November trieb ihn der Hunger endlich doch in meine Falle. Und nur wenige Minuten später folgte ihm ein Katzenbaby, das ich auf etwa 12 Wochen schätzte. Diesmal zögerte ich mit meiner Entscheidung, das Jungtier mitzunehmen, überhaupt nicht lange. Denn da zumindest Pepito der lebende Beweis dafür war, dass auch Streunerbabies, die älter als zehn Wochen sind, zahm werden können, hatte ich keinerlei Zweifel daran, dass ich das Vertrauen auch dieses kleinen Streuners gewinnen würde. Außerdem war der Kleine das letzte Katzenbaby in dieser Kolonie und hätte dort keinen Spielkameraden mehr gehabt. Daher hielt ich es für besser, ihn dort weg zu holen und wenn möglich in ein Zuhause zu vermitteln, wo er Spielkameraden seines Alters hätte.

Frohen Mutes fuhr ich also meine Beute im Auto zum Tierarzt. Da keines der beiden Tiere kastriert werden musste, konnte einfach die offene Sprechstunde nutzen. Wider Erwarten wurde der Kleine dann aber doch in Narkose gelegt. Denn meine Ärztin hielt ihn für gesund und alt genug, um ihn direkt zu kastrieren. Ich hatte wohl gehört und gelesen, dass es nicht gut sei, einen Kater so früh zu kastrieren, weil es dadurch später zu gesundheitlichen Problemen kommen könne. Vorteil für mich in diesem Falle war jedoch, dass mir dadurch die Möglichkeit offen gehalten wurde, das Tier jederzeit wieder auszusetzen, wenn es sich als nicht sozialisierbar erweisen sollte. Ich würde deswegen kein schlechtes Gewissen haben müssen, weil ich ja wusste, dass dieser Kleine im Erwachsenenalter keinen Nachwuchs zeugen würde. Und das war ja eigentlich das erklärte Ziel meiner Aktion.

 

Der einäugige Kater befand sich in einem schlechten Gesundheitszustand. Die kahlen Stellen im Fell waren da nur das kleinere Problem. Schlimmer stand es um den Zustand der Zähne. Die oberen Reißzähne waren abgebrochen und der Oberkiefer geschwollen und stark entzündet. Eine Operation zur Entfernung der Zahnwurzel und Nachbehandlung mit Antibiotika war unvermeidlich. Der Kater bekam ein Antibiotikum gespritzt und musste weitere vier Tage antibiotisch behandelt werden, bevor eine Operation erfolgen konnte. Es war klar, dass er eine Weile bei mir bleiben müsste, bevor er wieder gesund in die Freiheit entlassen werden konnte.

Mit beiden Katern trat ich wieder den Heimweg an.

 

Zuhause angekommen, machte ich mich ans Werk, mein Badezimmer umzuräumen und katzenfreundlich einzurichten. Dort war mehr Platz als im Gäste-WC. Es gab ein Fenster, wo die Katzen hinausschauen konnten. Und das Wichtigste: alle Familienmitglieder gingen mehrmals täglich dort ein und aus, so dass sich die Tiere notgedrungen an die ständige Anwesenheit von Menschen gewöhnen mussten. In die eine Ecke stellte ich einen Kratzbaum neben die Badewanne. In der anderen Ecke, neben der Toilette, platzierte ich die Katzentoilette.

Die beiden Transportboxen setzte ich mitsamt ihrem Inhalt auf dem Boden ab und zwar die eine Box links, die andere rechts an der Wand, die beiden Öffnungen sich gegenüberliegend zugewandt. So konnten die beiden Kater sich sehen und fühlten sich nicht so allein, dachte ich. Gerade für den Kleinen hielt ich das für wichtig. Interessanterweise war es jedoch nicht der Kleine, der Kontakt zum Großen suchte. Stattdessen fand ich die Box des Alten leer vor, als ich nachschaute, ob alles in Ordnung war. Er war zu dem Kleinen in die Box gehuscht, und da lagen sie alle beide einträchtig aneinander gekuschelt. Darüber war ich sehr glücklich. Denn das bedeutete, dass ich keine Angst haben musste, dass zwischen den Beiden die Fetzen fliegen würden. Ich konnte sie also ruhigen Gewissens zusammen lassen.

Die erste Nacht verlief mehr oder weniger ungestört. Ich vernahm kein beunruhigendes Rumoren aus dem Badezimmer, kein Toben, keine Randale. Nur gegen Morgen fing der Kleine an, lauthals zu miauen, wie kleine Katzen halt schreien, wenn sie z.B. nach ihrer Mutter rufen. Da konnte ich natürlich nicht anders als hinzugehen, nach dem Rechten zu sehen und beruhigend auf das kleine getigerte Häufchen einzureden. Das half natürlich nichts. Stattdessen sprang der Kleine verschreckt auf die Fensterbank, wohin sich der Einäugige zurückgezogen hatte, und versuchte, sich hinter seinem großen Gefährten zu verstecken. Nun guckten mich beide mit großen, ängstlichen Augen an, gaben aber auch keinen Laut von sich. Sobald ich das Badezimmer wieder verließ, fing der Kleine wieder an zu miauen. Ich ließ ihn einfach rufen. Irgendwann würde er schon aufhören.

Wenn meine beiden Pflegekater schon ein paar Tage länger bei mir verweilen sollten, so sollten sie auch Namen bekommen, damit ich sie ansprechen konnte. Den Einäugigen hätte man gut und gerne Pirat nennen können. Das wäre mir allerdings zu simpel gewesen. Im Übrigen fehlt diesem Wort ein gewisser Wohlklang. Räuber wäre auch noch ganz passend gewesen. Empfand ich aber auch nicht als brauchbaren Namen. Ich entschied mich für die ähnlich klingende Variante „Robbie“. Dieser Name weckte in mir die Erinnerungen an eine frühere Kinderserie der Augsburger Puppenkiste: Robbie, Tobie und das FlieWaTüt. Und so ergab es sich zwangsläufig, dass ich den Kleinen „Tobie“ nannte, was tatsächlich ein passender Name war. Denn Tobie erwies sich als kleines Energiebündel, das nicht nur viel Energie auf sein tägliches klägliches Miauen verwandte sondern auch auf Spielen und Toben.

Als Streuner waren die Kater das Leben in Freiheit gewohnt, und zumindest Tobie hatte noch nie eine Menschenwohnung gesehen, vermutlich nicht einmal von außen. Dass die beiden sich eingesperrt im Badezimmer nicht wohl fühlten, ist verständlich. Zum Schlafen verkrochen sie sich in ihren Transportboxen oder in der Höhle des Kratzbaums. Nachts, wenn es still im Haus war, wagten sie sich aus ihrem Versteck und untersuchten wohl ihr neues Zuhause. Leider hatte ich nicht bedacht, dass Streunerkatzen unglaublich geschickte Kletterer sind. Außerdem war ich davon ausgegangen, dass Robbie durch seine Einäugigkeit so gehandicapt wäre, dass er Höhen, Tiefen und Entfernungen nicht einschätzen können würde. Deswegen war ich regelrecht schockiert, als ich am Morgen nach der ersten Nacht in meinem Badezimmer Robbie oben auf der Wand der Duschverkleidung liegend vorfand. Ich konnte nicht glauben, dass er bis dort oben hinauf gesprungen war. Selbst vom Badewannenrand war das noch eine beachtliche Höhe. Ich war mir auch nicht sicher, ob er von dort wieder den Weg nach unten finden würde. Das machte mir schon ziemlich Angst. Ich konnte jedoch auf ihn einreden, wie ich wollte. Ich konnte das Bad verlassen und wieder hereinkommen, so oft ich wollte – Robbie bewegte sich nicht von der Stelle. Ganz im Gegenteil. Als ich später wieder nach ihm sah, balancierte auch Tobie dort oben herum. Weil ich absolut ratlos war, was ich machen sollte, vertraute ich einfach auf die lange Streunererfahrung der beiden Tiere und hoffte, dass ich sie irgendwann im Laufe des Tages wieder in ihren Verstecken wiederfinden würde. So war es dann auch. Für Robbie wurde es zur Gewohnheit, dass er abends am Fenster lag und nachts irgendwann auf die Duschwand kletterte, wo er dann morgens lag und schlief. Das Einzige, was ihn von dort vertreiben konnte, war, wenn die Dusche benutzt wurde.

Das Bad wird wieder frei

Eigentlich hatte ich gedacht, dass Robbie bei mir zuhause genauso zutraulich sein würde, wie ich ihn an der Futterstelle kennen gelernt hatte. Dem war aber nicht so. Offensichtlich hasste er es, eingesperrt zu sein, und die fremde und ungewohnte Umgebung machte ihm Angst. Wenn er vor sich hin döste, ließ er sich anfassen und kraulen. Wenn er aber am Fenster lag, konnte er richtig böse werden, wenn ich mich ihm näherte. Dann war es mir nicht möglich, das Fenster zum Lüften zu öffnen, ohne einen Pfotenhieb zu riskieren.

 

Nach zwei Wochen brauchte Robbie keine Medikamente mehr und war soweit gesund, dass ich ihn wieder hätte aussetzen können. Da sein Fell jedoch noch immer nicht viel dichter geworden war, war es zweifelhaft, ob er die kalten Wintertage und vor allem –nächte überstehen würde. Deswegen beschloss ich gemeinsam mit einer Bekannten, ihn über den Winter in einer großen Voliere unterzubringen, wo er erstens warmen Unterschlupf hätte, zweitens an der frischen Luft wäre, drittens regelmäßig Besuch von anderen Katzen bekäme und viertens und letztens regelmäßig mit Futter und ggf. Medikamenten versorgt würde. Inzwischen wollten wir versuchen, für ihn ein richtiges Zuhause zu finden. Tobie sollte derweil bei mir bleiben, bis wir auch ihn in ein Zuhause vermitteln könnten. Denn dass er zutraulich genug werden würde, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Er hatte bereits überhaupt keine Berührungsangst mehr, kletterte über meine Beine, wenn ich auf dem Boden saß, und ließ sich bereits anfassen und kraulen.

Also konnten beide Kater nach vierzehntägigem Aufenthalt in meinem Badezimmer selbiges verlassen: Robbie bezog die Voliere im Garten meiner Bekannten. Tobie siedelte um in mein Gästezimmer. Dort hatte er viel Platz, um sich auszutoben. Und er lernte mehr von der menschlichen Umgebung kennen: einen Schreibtisch, Schrank und Regal, Bett und Stuhl .... Und vor allem hatte er eine viel interessantere Aussicht vom Fenster in den Garten.

 

In der Katzenkolonie hatte Tobie immer viele Katzen um sich gehabt. Deshalb tat es mir furchtbar Leid, dass er in meinem Gästezimmer nun erst einmal ganz allein war. Ich gab mir schon viel Mühe, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Aber trotzdem war er natürlich mehr Stunden allein als in Gesellschaft. Er entwickelte sich erstaunlich schnell zu einem zutraulichen und vor allem absolut verschmusten, liebenswerten Kerlchen. Wenn ich ihn in seinem Zimmer besuchte, sprang er mir sogleich entgegen und drückte sich an mich und wollte gekrault werden, wobei er dann laut schnurrte. Nach einer Woche Wohnen im Gästezimmer dachte ich, ich könnte es wagen, Tobie die Tür zu öffnen. Meiner Meinung nach war er soweit, dass er das ganze Haus erkunden konnte, ohne dass ich befürchten musste, dass er sich aus Angst verkriechen und ich ihn nicht wiederfinden würde. Natürlich würde er unterwegs auf Lilly und Mia treffen. Angeblich ist es ja ein Leichtes, ältere Katzen mit Jungtieren zu vergesellschaften, weil die Älteren in den Jungen keine Bedrohung sehen und deswegen nicht angreifen. Also ging ich frohen Mutes davon aus, dass die drei sich miteinander anfreunden würden.

Eines Nachmittags hatte ich Zeit und die innere Ruhe, den Versuch zu wagen. Lilly und Mia waren wach, so dass die Wahrscheinlichkeit groß war, dass alle drei sich begegnen würden. Ich öffnete Tobie die Tür - keine andere Katze in Sicht. Langsam schlich Tobie durch den Flur und beschnüffelte neugierig alles, was ihm unter die Nase kam. Dabei bewegte er sich geradeaus auf das Schlafzimmer zu. Gerade hatte er es erreicht, als Mia neugierig die Treppe heraufkam, weil sie offensichtlich etwas gehört hatte. Erstaunt drehte der kleine Kater um und machte neugierig ein, zwei Schritte auf Mia zu, bis die Beiden sich Nase an Nase beriechen konnten. Das war Mia aber nicht geheuer. Sie sträubte das Fell und fauchte und knurrte den Kleinen an. Der wurde dadurch etwas eingeschüchtert und floh geradezu ins Schlafzimmer und zwar so um die Ecke hinter die Tür, dass Mia ihn nicht mehr sehen konnte. Dann knurrte er ebenfalls. Er guckte noch einmal durch die Tür, und es gab ein kleines Fauchkonzert, bis es Mia zu dumm wurde und sie sich wieder nach unten in Richtung Wohnzimmer zurückzog. Das gab Tobie die Gelegenheit, in aller Seelenruhe das obere Stockwerk zu erkunden. Bei der kleinsten Verunsicherung durch ein fremdes Geräusch huschte er schnell wieder in „sein“ Zimmer zurück. Nach und nach traute er sich aber doch, die Stufen hinunter zu schleichen, um sich auch das Wohnzimmer anzusehen. Die Nacht musste er wieder in seinem Zimmer verbringen, weil ich mir nicht sicher war, ob es nicht zu größeren Reibereien zwischen dem Kleinen und den beiden Großen kommen würde.

Am nächsten Morgen durfte Tobie wieder sein Zimmer verlassen und sein gesamtes Zuhause erkunden. Mia fauchte ihn immer noch an, während Lilly überhaupt keinen Kontakt zuließ. Sie zog es vor, sich im Keller zu verstecken und kam erst wieder aus ihrem Versteck hervor, als der Hunger sie dazu trieb. Tobie ließ sich allerdings von den beiden Katzen nicht mehr beeindrucken. Er war das Leben in Katzengesellschaft gewohnt und hatte schon früher einige Pfotenhiebe einstecken müssen. Fröhlich lief er immer wieder auf Mia zu, um sie kennen zu lernen, und sie ließ ihn von Mal zu Mal dichter an sich heran, schlug aber meistens mit der Pfote nach ihm. Das hielt ihn jedoch selten davon ab, hinter ihr her zu laufen, immer begleitet von einem Meckern oder Gurren, weil er sich unbedingt mit ihr anfreunden wollte. Allmählich ließ Mias Gefauche nach, und Mia duldete den Kleinen. Nur spielen wollte sie nicht mit ihm. Tobie gab sich wirklich alle Mühe, sie zum Mitspielen aufzufordern. Er rannte hinter ihr her und gurrte, er lief vor ihr weg und versteckte sich und gurrte. Da war aber absolut nichts zu machen. Er kassierte nur Fauchen, Knurren und Ohrfeigen.

Zwischen Lilly und Tobie blieb die Lage lange Zeit sehr angespannt. Tobie war sehr interessiert an Lilly, wollte sie unbedingt kennen lernen und lief immer hinter ihr her. Wenn sie sich im Keller versteckte, suchte er sie. Wenn sie auf den Schrank oder ins Bücherregal flüchtete, versuchte er, hinter ihr her zu klettern. Es dauerte Wochen, bis Lilly es zuließ, dass Tobie eine Etage über oder unter ihr im Regal lag. Er hangelte dann immer mit den Pfoten nach ihr, bis sie irgendwann zurück hangelte. Und das wurde ein beliebtes Spiel zwischen den Beiden, das in aller Regelmäßigkeit am späten Abend stattfand. Es war allerdings auch das Einzige, was Lilly an Nähe zu Tobie zuließ. Ansonsten fauchte sie ihn nur an, wenn er es wagte, in ihre Nähe zu kommen. Problematisch war es vor allem nachts, wenn wir schliefen. Bis dato hatten sich Lilly und Mia so arrangiert, dass Lilly bei mir schlief und Mia bei meinem Mann. Da Tobie immer den Kontakt zu anderen sucht – egal ob Katze oder Mensch, machte er den beiden Mädels bald den Platz im Bett streitig. Er legte sich einfach dazu, was die Beiden überhaupt nicht mochten, und dann wurde ein bisschen gefaucht, bis eine der Katzen ihren Platz freigab und die andere in weitem Abstand liegen blieb. Meistens war es Lilly, die das Feld räumte. Diese Dreierkonstellation war nun nicht ideal. Aber im Notfall, wenn ich für Tobie kein neues Zuhause gefunden hätte, hätte ich ihn behalten, zumal er ein absolut traumhaft liebenswertes Kerlchen geworden war. Er war total verschmust und absolut pflegeleicht. Außerdem war er so gewachsen und hübsch geworden, dass er nicht wiederzuerkennen war. Mit zwölf Wochen war er noch ein bisschen rundlich gewesen. Ein paar Wochen später war er sehr schlank und muskulös und hatte ein längliches Gesicht bekommen. Hätte er eine Mähne gehabt, hätte er ausgesehen wie ein Löwe. Dieses Gesicht unterschied sich schon sehr von anderen Katzengesichtern.

 

Ein neues Zuhause für Tobie

Als Tobie auf die Vermittlungsseite der Tierhilfe Bochum und der Bochumer Katzenhilfe kam, fanden sich mehrere Interessenten, so dass ich die Möglichkeit hatte, zwischen mehreren Angeboten das vermeintlich beste auszuwählen. Er sollte viel Platz zum Toben und etwa gleichaltrige Katzen-Spielgefährten bekommen.

 

Ein solches Zuhause fand sich denn auch schon bald. Tobie sollte bei einem jungen Pärchen helfen, die Stresssituation zwischen deren beiden Katzen zu entspannen. Die eine Katze wollte immer spielen, die andere wollte ihre Ruhe haben. Mit Tobie sollte nun die eine Katze einen Spielkameraden bekommen, so dass die andere Katze ihre ersehnte Ruhe bekäme.

Alles passte sehr gut zusammen: die Menschen waren absolut sympathisch, die neue Katzenkameradin war nur wenig älter, die Wohnung war riesengroß und über zwei Etagen und das Beste: es gab einen abgesicherten Balkon!

 

Ein paar Tage dauerte es, bis Tobie den Schock des Umzugs überwunden hatte. Dann taute er aber in seinem neuen Zuhause auf, freundete sich auch tatsächlich mit seiner neuen Spielgefährtin an, und seinen neuen "Besitzern" gegenüber wurde er genauso schmusig, wie er bei mir zuhause gewesen war. Besser hätte man es also gar nicht wünschen können.

Und was wird aus Robbie???

Robbie hatte es viel schwerer als Tobie. Er war viel älter, einäugig, nicht so zutraulich und bei weitem nicht so hübsch wie der kleine Kater. Deshalb musst er noch einige lange Wochen in seinem Zwinger ausharren, bis sich endlich Interessenten für ihn fanden. Und dann ging alles ganz schnell.

 

Die Interessentin sah den Kater und verliebte sich sofort in ihn und wollte ihn auch direkt mitnehmen. So schnell geht das allerdings beim Tierschutz nicht. Es wurde ausgemacht, dass ich mitkomme, um mir das Zuhause anzusehen (es gab da auch noch Hunde!), und dann sind wir gemeinsam mit Robbie zum Tierarzt gefahren, um ihn nochmal durchchecken und impfen zu lassen. Von dort aus entließ ich ihn dann in sein neues Zuhause, wo er fortan Ronny genannnt wurde.

 

Mit dem Eingewöhnen tat sich Ronny anfangs sehr schwer. Er versteckte sich tagelang im Keller auf der höchsten Etage in der hintersten Ecke eines Regals. Von dort wurde er quasi zwangsweise umgesiedelt ins Wohnzimmer, damit er mittendrin im Geschehen wäre und alles besser beobachten konnte. Weil das auch nicht weiter half, wurde beschlossen, für ihn eine Gefährtin anzuschaffen. Die war sehr selbstsicher und zutraulich und verschmust und konnte dem Kater zeigen, dass er keine Angst zu haben brauchte. Tatsächlich ließ sich Ronny allmählich überzeugen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Und heute - ein Jahr später - schläft er mit im Bett und lässt sich kraulen wie alle andere Katzen auch.

 

(Fotos: A. von Könemann)

Leider war Ronny nur noch ein kurzes Glück vergönnt: aufgrund einer Vorerkrankung verlor er schließlich den Kampf gegen eine zusätzliche Infektion und verstarb am 19.12.2014.