Ein Herz für Streuner
Ein Herz für Streuner
Gebt Streunern ein Zuhause!

Die ersten Tage in Quarantäne

Nachdem ich die beiden Brüderchen bei einer meiner ersten Fangaktionen an der Futterstelle in Langendreer eingefangen hatte, wusste ich eigentlich gar nicht, wo ich sie unterbringen sollte. Zunächst mussten sie entwurmt und entfloht werden und so lange in Quarantäne leben, bis sicher war, dass sie frei von ansteckenden Krankheiten waren. Zuhause hatte ich zwei eigene Katzen, die ich nicht mit irgendeiner eingeschleppten Seuche infizieren wollte. Da nirgendwo in meinem Bekanntenkreis ein Plätzchen für die kleinen Streuner frei war, blieb mir keine andere Wahl, als sie zunächst für ein paar Tage in meinem Gäste-WC unterzubringen. Sie bekamen einen kleinen Kratzbaum, eine Kuschelhöhle und eine kleine Katzentoilette. (Es ist wirklich erstaunlich, was man alles in diesem kleinen Raum unterbringen kann!). Für den Anfang musste das reichen. Direkt am nächsten Morgen, nachdem ich sie eingefangen hatte, wurden sie tierärztlich untersucht. Sie wurden direkt entfloht und für gesund befunden. Medikamente zum Entwurmen bekam ich mit nach Hause.

Zunächst lief alles ganz gut. Beide Tigerchen waren sehr ängstlich. Nur der Kleinere ließ sich schon bald für das Spielen mit der Angel oder mit Bällchen begeistern. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er nach wenigen Tagen zitternd und apathisch in einer Ecke saß. Er hatte hohes Fieber. Also wieder zum Arzt, wieder untersuchen. Er bekam ein Antibiotikum und eine Salbe für die Augen, die etwas entzündet waren, und nun musste er eine Woche lang alle zwei Tage zum Spritzen in die Praxis kommen, bis er endlich wieder ganz gesund war. Inzwischen war er aber auch schon so zutraulich, dass man ihn streicheln konnte.

 

Anders verhielt es sich mit seinem größeren Brüderchen Pepe. Sobald man die Tür zum Gäste-WC öffnete, legte er seine damals noch riesigen Ohren an und fauchte furchteinflößend. An Anfassen war überhaupt nicht zu denken. Und mit dem Menschen spielen wollte er auch nicht. Lieber saß er auf der Fensterbank und beobachtete das Geschehen draußen. Oder er lag im Waschbecken und schlief oder döste. Von dort aus hatte er nämlich den besten Überblick. Leider dauerte es nicht lange, bis auch Pepe einen kränklichen Eindruck machte. Da half nun alles nichts. Ich musst ihm die Gewalt antun und ihn ebenfalls alle zwei Tage für die Verabreichung eines Antibiotikums zum Tierarzt schleppen. Dafür hasste er mich anscheinend. Denn ich konnte machen, was ich wollte – es war nicht möglich, sein Zutrauen zu gewinnen. Auch „Zwangsstreicheln“ brachte keinen Erfolg. Die Tierärztin hatte mir empfohlen, ihn regelmäßig in ein Handtuch zu hüllen, auf den Schoß zu nehmen und ein paar Minuten so verpackt zu streicheln, bis er sich daran gewöhnte und die Angst verlöre. Nichts zu machen.

Nach vier Wochen Aufenthalt im Gäste-WC waren die beiden kleinen Streuner soweit gesund und ungezieferfrei, dass sie ins Schlafzimmer umziehen konnten. Dort hatten sie viel Platz zum Toben und Verstecken. Alle Familienmitglieder gaben sich richtig viel Mühe, die Beiden zu bespaßen. Doch nur der kleine Pepito entwickelte sich zum Schmusekater. Tagsüber tobte er wie wild, und abends, wenn wir ins Bett gingen, legte er sich dazu und ließ sich lauthals schnurrend ausgiebig streicheln und kraulen.

Pepe guckte argwöhnisch zu, machte aber niemals auch nur ansatzweise Anstalten, es dem Kleineren nachzutun. Ganz im Gegenteil: wenn er des Nachts über unsere Betten schlich, dann nur, um irgendwann ganz unvermutet seine Krallen in eines unserer Gliedmaßen hinein zu schlagen. Wenn kein Arm oder Bein unter der Bettdecke hervor guckte, grub er so lange mit der Pfote unter der Decke, bis er etwas gefunden hatte, wo er hinein hacken konnte. Das war äußerst unangenehm und führte auf Dauer dazu, dass ich immer matt und müde war, weil ich nachts kaum noch Schlaf bekam. Bei der leisesten Bewegung wachte ich sofort auf.

 

Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass Pepe womöglich Spaß daran hatte, wenn auf einen Angriff mit seinen Pfotenhieben eine Reaktion erfolgte. Denn für eine Katze ist es bestimmt lustig zuzusehen, wie sich Hand, Arm oder Fuß in Bewegung setzen und unter der Bettdecke verschwinden, wenn man darauf haut. Also habe ich Pepe bei der nächsten Gelegenheit, als er mich wieder geschlagen hatte, die Hand vor die Nase gehalten, damit er noch einmal drauf hauen konnte, was er auch tat. Diesmal allerdings weniger fest. Schließlich schlug er ein drittes Mal zu, aber wirklich nur ganz leicht. Dann drehte er um, als ob er die Lust an diesem „Spiel“ verloren hätte, und von da an war so gut wie Schluss mit diesem Spiel. Ganz selten kam es nur noch vor, dass ich nachts Pepes Krallen zu spüren bekam, und dann war es auch bei weitem nicht mehr so heftig wie zuvor.

 

Nach acht Wochen war ich mir sicher, dass Pepe sich in die richtige Richtung engwickeln würde. Er schlug nicht mehr nach mir und ließ sich gelegentlich anfassen. Wenn man sich weiterhin intensiv mit ihm beschäftigen würde, würde er auch richtig zutraulich werden, dachte ich.

Deswegen hatte ich auch kein schlechtes Gewissen, ihn in ein neues Zuhause zu vermitteln, als sich ein junges Pärchen fand, das Pepe und Pepito zusammen bei sich aufnehmen wollte. Beide waren mir ganz sympathisch, und die Frau hatte bereits einen Kater gehabt und meinte, sich mit Katzen auszukennen. Sie suchte auch nicht unbedingt einen Schmusekater. Und da Pepito ja schon handzahm und verschmust war, meinte sie, sie würde geduldig abwarten, bis auch Pepe sich an sie und seine neue Umgebung gewöhnt hätte. Mit einem guten Gefühl gab ich Pepe und Pepito also in ein neues Zuhause, wo es ihnen in Zukunft richtig gut gehen würde, da war ich mir sicher.

Leider kam alles ganz anders.