Ein Herz für Streuner
Ein Herz für Streuner
Gebt Streunern ein Zuhause!

Pepe kommt zurück

Wenige Wochen, nachdem Pepe und Pepito ausgezogen waren, bekam ich einen Anruf, weil die beiden kleinen Kater angeblich nicht miteinander klar kamen. Pepe wäre total aggressiv, würde den Kleineren angreifen, ihn nicht auf den Kratzbaum lassen, und im spielerischen Kampf würde er sich so verbeißen, dass Blut fließt, so wurde mir berichtet. Außerdem fauchte er immer, wenn er am Fenster säße und der Mensch sich dem Fenster näherte. Anfassen ließe er sich auch nicht. Einmal hatte der junge Mann es versucht, erlitt jedoch leichte Verletzungen. Fazit: Pepe, der im Übrigen nun Pablo hieß, sei ein Kater, der mit Menschen nichts zu tun haben wolle und nur in Einzelhaltung mit Freigang leben könne.

 

Pepito - jetzt Louis - wollte man auf gar keinen Fall wieder abgeben. Doch Pablo musste weg. Je schneller desto besser. Für mich war das ein Problem, weil es auf Weihnachten zuging und ich keinen Platz in meiner Wohnung hatte. Das Gästezimmer war belegt, im Schlafzimmer wollte ich Pepe/Pablo nicht aufnehmen, weil ich ja nun davon ausgehen musste, dass er richtig aggressiv war. Direkt mit meinen eigenen Katzen zusammenbringen konnte ich ihn auch nicht, wenn er wirklich mit anderen Katzen nicht klar kam. Außerdem hatte ich mit Tobie inzwischen einen weiteren Streuner aufgenommen, über dessen Anwesenheit Lilly und Mia schon nicht gerade erfreut waren. Und im Bekanntenkreis war niemand, der den Kleinen hätte aufnehmen können. Also wurde entschieden, dass Pablo noch bis nach Weihnachten in seinem Zuhause bleiben musste. Am 28.12. war mein Gästezimmer wieder frei, so dass ich ihn dort aufnehmen konnte.

Und dann war ich doch sehr überrascht, als Pablo zu mir zurück kam. Als er aus seiner Transportbox heraus gelassen wurde, verschwand er zwar fauchend unterm Bett. Er war aber überhaupt nicht mehr so überängstlich und angespannt wie zuvor, als er noch bei mir im Schlafzimmer gelebt hatte. Wenn ich jetzt in sein Zimmer kam, waren seine Ohren immer aufmerksam nach vorne gerichtet. Gefaucht hat er nach seiner Neuankunft überhaupt nicht mehr. Er war interessiert an allen Spielen, die ich ihm anbot, und es dauerte nicht lange, bis er von sich aus so dicht an mich herankam, dass er mich berührte. Dass er mit Menschen nichts zu tun haben wollte, konnte also nicht stimmen. Dass er unbedingt nach draußen wollte, konnte ich auch nicht bestätigen. Denn immer, wenn es Zeit zum Lüften war, ließ ich Pablo am weit geöffneten Fenster sitzen – natürlich entsprechend abgesichert. Dort saß er dann wie jede andere Katze und sog begierig die frische Luft in sich hinein und guckte interessiert nach draußen, wo Vögel, Mäuse und Eichhörnchen und Nachbars Hunde zu beobachten waren. Welche Katze findet das schließlich nicht spannend? Durch Spielen ließ Pablo sich aber gerne ablenken und zum Verlassen des Fensterplatzes bewegen. Eine Katze, die unbedingt nach draußen will, hätte da anders reagiert. Denn soviel Erfahrung hatte ich schon.

 

Mein Bauchgefühl sagte mir also schon sehr bald, dass da einiges von dem, was mir über Pablo erzählt worden war, nicht stimmen konnte. Richtig schockiert war ich jedoch, als ich auf Nachfragen erfuhr, dass man nicht ein einziges Mal versucht hatte, Pablo näher zu kommen und zu streicheln. Nachdem sein neuer Besitzer sich einen Krallenhieb eingefangen hatte, war man zu dem Schluss gekommen, es sei besser, das Tier in Ruhe zu lassen. Irgendwann würde es schon auf den Menschen zukommen. Wenn man bedenkt, dass Pablo also Tag für Tag zusehen musste, wie sein kleiner Bruder ausgiebig gestreichelt wurde, während man ihm jeglichen Körperkontakt quasi verweigerte, ist es wohl kein Wunder, wenn er entsprechend eifersüchtig reagierte. Da er ja nun bei mir in „Einzelhaft“ war, hatte er meine ganze ungeteilte Aufmerksamkeit, wenn ich bei ihm im Zimmer war. Dass es mich noch eine Menge Zeit und Arbeit kosten würde, Pablos Vertrauen zu gewinnen, war mir klar. Aber ich war mir so sicher, dass mir das gelingen würde, dass ich mir einiges einfallen ließ, um Schritt für Schritt näher ans Ziel zu gelangen.

 

Zunächst musste Pablo die Angst vor meiner Hand verlieren. Dazu entwickelte ich ein Ritual. Jeden Abend setzte ich mich aufs Bett, rief ihn zu mir, legte ihm ein Leckerchen vor die Nase, und wenn er sich danach hinunterbeugte, streichelte ich ihm über den Kopf. Er bekam dieses Leckerchen also immer nur dann, wenn er sich streicheln ließ. Nach und nach versuchte ich natürlich immer wieder, ihm auch dann über den Kopf zu streicheln, wenn er schon alle Leckerchen aufgesammelt hatte. Und manchmal hielt er sogar still, allerdings nur ganz kurze Zeit. Das war aber immerhin schon ein klitzekleiner Erfolg.

 

Als nächstes galt es herauszufinden, ob Pablo grundsätzlich Liebkosungen abgeneigt war. Wenn man sich nicht gleich völlig zerkratzen lassen möchte, bietet es sich an, sich einen künstlichen Arm zuzulegen, mit dem man die Katze streichelt. Dieser künstliche Arm sollte aus einem Stock bestehen, den man zunächst am äußeren Ende fasst, während man mit dem anderen Ende dem Tier z.B. über den Kopf streicht. Damit ein wirklich angenehmes Streichelgefühl erzeugt wird, hatte ich das Streichelende des Stockes mit Pfeifenreinigern umwickelt, so dass man damit wie mit einer weichen Bürste über das Fell streichen konnte. Anfangs wurde dieser Stock argwöhnisch beäugt, in die Pfoten genommen und darauf herum gekaut. Als es mir aber doch gelang, damit über die Wangen zu streicheln und dann über den Kopf, da konnte ich Pablo zum ersten Mal laut schnurren hören. Es gefiel ihm also. Das hieß natürlich nicht, dass ich damit endlich sein Vertrauen gewonnen hätte. So ein Erfolgserlebnis ist nämlich nicht unbedingt jederzeit wiederholbar.

 

Tatsächlich war es noch ein langer Weg bis zum Ziel.

Erst vier Wochen, nachdem ich den kleinen Kater wieder bei mir aufgenommen hatte, hatte er so weit Vertrauen zu mir gefasst, dass ich es hätte wagen können, ihn im ganzen Haus laufen zu lassen – wenn da nicht noch drei andere Katzen gewesen wären. Jetzt konnte ich ihn nämlich nicht nur mit dem Stock streicheln sondern, er genoss es auch, wenn ich sein Fell mit einer Baby-Bürste bürstete, und ich konnte ihn richtig anfassen und streicheln.

Pablo und Tobie lernen sich kennen

Wenn ich mich bei Pablo im Zimmer aufhielt, legte sich Pflegekater Tobie oft draußen vor die Tür und miaute und gurrte, als ob er sich mit Pablo unterhalten wollte. Dann ging Pablo an die Tür, legte sich davor und antwortete mit ähnlichen Lauten. Und wenn Tobie sich irgendwann zurück zog, miaute Pablo so, als ob er ihn zurück rufen wollte. Da man mir gesagt hatte, dass Pablo aggressiv gegenüber anderen Katzen sei, war ich sehr unsicher, ob ich ihm die Tür öffnen sollte oder nicht. 

Ich ließ es auf einen Versuch ankommen und öffnete die Tür einen Spalt so dass die beiden Katerchen sich richtig sehen und ansatzweise beschnuppern konnten.

 

Da keiner von den Beiden den Eindruck machte, dass er dem Anderen gegenüber unfreundlich gesinnt sei, bewaffnete ich mich mit Handtuch und Lederhandschuhen (nur für den Fall, dass es doch zu einer heftigen Auseinandersetzung käme) und öffnete die Tür ganz.

 

Tobie huschte ganz aufgeregt in Pablos Zimmer und stürzte sich sofort auf die Fressnäpfe, um sie in Nullkommanix komplett zu leeren. Währenddessen beschnupperte Pablo Tobies Hinterteil, was dieser nicht so toll fand, was er mit Knurren kund tat.

 

Nachdem alles aufgefressen war, schnappte sich Tobie ein Bällchen und rannte damit knurrend aus dem Zimmer und hinunter ins Wohnzimmer. Pablo traute sich nicht hinterher. Also konnte ich den ersten Annäherungsversuch der beiden Kater als beendet erklären und schloss die Zimmertür wieder, um abends einen zweiten Versuch zu wagen.

 

Abends freute sich Tobie riesig, als ich Pablos Tür wieder öffnete. Sofort stürmte er ins Zimmer und begrüßte Pablo stürmisch mit einer kumpelhaften Umarmung und einem sanften Biss ins Ohr. Es gab eine kleine, freundschaftliche Balgerei, und dann begann ein wildes Jagen und Verstecken von Pablos Zimmer durch den Flur ins Schlafzimmer und zurück. Ins untere Geschoss traute Pablo sich noch nicht. Das lag vielleicht an Mia, die sich das Spiel der Beiden von der Treppe aus anguckte und Pablo auch gleich ein bisschen anfauchte, als er auf sie zukam.

 

Ein paar Nächte musste Pablo noch in seinem Zimmer schlafen, bevor er sich ganz frei im Haus bewegen durfte.

Mia konnte sich weder mit Tobie noch mit Pablo richtig anfreunden. Aber sie duldete die Beiden, ließ sie auch ganz dicht an sich heran.

Lilly dagegen zog sich zurück und mied den Kontakt mit den beiden "Störenfrieden". Die machten sich aber überhaupt nichts daraus sondern liefen alle Beide hartnäckig hinter Lilly her und riefen sie, um sie zum Mitspielen aufzufordern. Letzten Endes lief es aber darauf hinaus, dass die beiden Jungs miteinander spielten und tobten und die beiden Mädels sich daraus hielten und bestenfalls zusahen. Man könnte sagen, zwischen den Katern hatte sich eine dicke Freundschaft entwickelt, und ich hätte sie gerne zusammen vermittelt.

Abschied von Tobie

Natürlich fällt es schwer, eine Pflegekatze abzugeben, wenn man sie lange bei sich hatte - vor allem, wenn sie sich zum Schmusetiger entwickelt hat und herrlich unkompliziert ist. Aber mehr als zwei Katzen wollte ich nie haben, so dass von vornherein klar war, dass ich jedes Pflegetier irgendwann vermitteln würde.

 

Für Tobie bot sich bald eine ganz tolle Chance auf ein neues Zuhause. Diese Chance wollte ich ihm geben. Denn erstens sind Katzen leichter einzeln zu vermitteln als zu zweit. Und wie lange hätte ich warten sollen? Zweitens hatte ich Bedenken, dass ich Pablo nach einer erneuten Vermittlung möglicherweise wieder würde zurück nehmen müssen, weil er nach wie vor einen etwas schwierigen Charakter hatte. So viel Vertrauen, dass er sich anfassen ließ, hatte er nur zu mir. Und wenn er unsicher war oder irgend etwas wollte, was ich nicht sogleich verstand, schlug er immer noch schnell mit der Kralle zu. Wer hätte sich schon auf ein solches "Biest" einlassen wollen? Also ließ ich Tobie schweren Herzens gehen.

Pablo mit Lilly

Als Tobie weg war, war es zuhause plötzlich merklich ruhiger. Man merkte sofort, dass er fehlte, und vor allem Pablo vermisste ihn sehr. Und sogar Mia lief unruhig hin und her, als ob sie Tobie suchte. Nur Lilly freute sich sichtlich. In Tobies Gegenwart hatte sie immer einen eher genervten, gestressten Eindruck gemacht. Nun war sie auf einmal viel entspannter und schien auch mit Pablo besser klar zu kommen als vorher mit Tobie. Vor ihm zog sie sich nicht zurück, sondern sie ließ sich von ihm sogar zum Spielen animieren.

 

Ein paar Wochen später schliefen alle drei Katzen mit im Ehebett: Mia bei meinem Mann, Lilly und Pablo - oft zusammengekuschelt - bei mir. Es schien mir eine absolut passende Konstellation zu sein. Deshalb beschloss ich, es gar nicht erst auf einen zweiten Vermittlungs(fehl)versuch ankommen zu lassen. Pablo sollte bei uns bleiben.

 

Inzwischen lebt Pablo schon über ein Jahr bei uns, und ich habe es ncht bereut, ihn aufgenommen zu haben. Ich konnte ihm zwar nicht abgewöhnen, mit der Kralle nach mir zu schlagen. Aber ich weiß jetzt, wann und warum er das tut und nehme es ihm überhaupt nicht krumm. Er schlägt auch nicht mehr wirklich fest. Es ist mehr so ein Klopfen, wie Menschen sich gegenseitig an die Schulter tippen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Pablo meldet auf diese Art und Weise an, dass er mit mir spielen möchte, oder dass er Hunger hat.

 

Auf der anderen Seite ist er die zärtlichste und schmusigste Katze von allen dreien. Er kommt zu mir auf den Schoß, gibt Köpfchen, drückt sich an mich ... Und wenn er zu mir ins Bett kommt, kommt es vor, dass er soviel Nähe und Körperkontakt sucht, dass ich ihn wie einen Teddy unter den Arm klemmen kann.