Ein Herz für Streuner
Ein Herz für Streuner
Gebt Streunern ein Zuhause!

Katzenelend in Grumme

Anfang März ging beim Tierheim Bochum eine Anfrage mit der Bitte um Hilfe ein: an einer Behindertenwerkstatt in Grumme tauchten auf einmal mehrere Katzen auf, die in sehr schlechtem Zustand waren und sich rund um die Küche auf die Suche nach Futter machten. Zunächst war die Rede von fünf schwarzen Katzen. Später stellte sich jedoch heraus, dass es sich tatsächlich im sieben Tiere handelte - vier schwarze, schwarz-weiße, eine schwarz-weiß gefleckte und eine rote Katze.

Alle Tiere waren total abgemagert, und ihr Fell war in extrem schlechtem Zustand: stumpf, struppig und stellenweise kahl.

Da die Katzen nicht übermäßig ängstlich waren, ist es völlig rätselhaft, woher die Tiere kommen, und wie sie dorthin gekommen sind. Es scheinen keine richtigen Streuner zu sein. Entweder waren sie in menschlicher Obhut, wo sie Schlimmes erlebt haben, bevor sie ausgesetzt wurden. Oder sie wurden als Garten- oder Hofkatzen versorgt, und ihre Futterstelle wurde aufgelöst.

 

"Constanze" Connie

Katze Connie hat besonderes Pech gehabt.

Was genau sie durchgemacht hat, bevor ich sie einfangen konnte, weiß ich leider nicht. Der Tierarzt meinte, ihr Zustand ließe darauf schließen, dass sie über eine längere Zeit eingesperrt gewsesen sei, ohne die Möglichkeit, an Nahrung heran zu kommen. Sie bestand nur aus Haut und Knochen, und ihr Fell wies mehrere kahle Stellen auf, als ob sie stark von Ungeziefer befallen gewesen sei, worauf sie vielleicht allergisch reagiert hat.

Direkt zum ersten Termin, als wir an dieser Stelle mit dem Fangen beginnen wollten, lief Connie noch vor ein Auto und erlitt eine Verletzung am rechten Hinterbein. Deshalb brachte ich sie auch nicht wie vorgesehen, zur Kastration zum Vereinstierarzt, sondern fuhr mit ihr zu einem Spezialisten für Gelenkverletzungen, der sie auch hätte operieren können. Bei der Untersuchung stellte sich Gott sei Dank heraus, dass nichts gebrochen war. Vermutlich sind Bänder gerissen, so dass mit einer OP nicht viel auszurichten gewesen wäre. Connie wurde ein paar Tage auf kleinem Raum untergebracht und mit Schmerzmitteln behandelt.

Nach einigen Wochen Aufenthalt bei mir hat sich Connie zu einer lieben, neugierigen, aufgeschlossenen und verspielten Katze entwickelt, und vor allem ist sie sehr nett zu Artgenossen.

Nachdem sie anfangs ihr Futter immer mit Knurren und Fauchen verteidigt hatte, weiß sie inzwischen, dass sie nicht mehr Hunger leiden muss, so dass es mit dem gemeinsamen Fressen besser klappt.

 

Connie hat ein Zuhause bei lieben und verständnisvollen Menschen gefunden. Dort gibt es auch einen Kater, dem sie nun Gesellschaft leistet.

Lissy

Connies Schwester Lissy tat sich sehr viel schwerer damit, Vertauen zum Menschen zu fassen. Sie wirkte nicht wirklich ängstlich, hielt sich aber immer im Hintergrund. Sie taute erst richtig auf, als ich zusätzlich zwei Kitten aufnahm, die so fröhlich durch die beiden Katzenzimmer tobten, dass Lissy ihnen zunächst neugierig zusah, später aber sogar mit ihnen zusammen spielte und sie auch putzte. Von der Zeit an spielte sie auch mit mir und wirkte insgesamt eigentlich immer recht entspannt.

Zusammen mit Minnie, mit der sie sich sehr gut versteht, ist Lissy nach Witten gezogen. Dort leben die beiden nun in einer großen Wohnung mit riesigem Garten, wo sie auch Freigang haben.

Miko

Miko scheint Connies und Lissys Bruder zu sein. Auch er war so abgemagert und ausgehungert, dass es weh tat, ihm beim Fressen zuzusehen. Er riss dabei das Mäulchen so weit auf, dass man befürchten musste, dass er sich den Kiefer ausrenkte, und legte dann den Kopf seitlich ins Futter, um möglichst viel auf einmal in sich hinein schaufeln zu können. Eine Freundin meinte, er "inhaliere" das Futter. Ratzfatz war der Teller immer leer gefegt.

Im Vergleich zu Connie ist Miko dem Menschen gegenüber sehr viel misstrauischer. Er könnte ein Streuner sein. Genauso gut könnte er aber auch misshandelt und deshalb entsprechend misstrauisch geworden sein. Denn anders als ein richtig wilder Streuner geht er nicht die Wand hoch und legte bisher nicht ein einziges Mal warnend die Ohren an. Auch habe ich ihn noch nicht knurren oder fauchen gehört.

Als Miko zu mir kam, zeigte er sich mir lange Zeit überhaupt nicht. Er versteckte sich im Schreibtisch oder auf dem Kleiderschrank und kam nur zum Fressen heraus oder um die Toilette zu benutzen.

Erst als ich zwei Babies aufgenommen hatte, begann Miko aufzutauen. Die beiden Kleinen machten ihn so neugierig, animierten ihn auch immer wieder zum Mitspielen, dass er schließlich auch in meiner Gegenwart aus seinem Versteck kam. Auf dem Schrank hielt er sich überhaupt nicht mehr auf, im Schreibtisch auch nur noch selten. Vorzugsweise lag er nun unter dem Bett, oft ein Kitten neben sich.

Dann wurden die beiden Babies vermittelt, und Lieschen fand ebenfalls ein Zuhause, so dass nur noch Miko, Minnie und Lissy zurück blieben. Die drei verstanden sich so gut, dass die Situation absolut entspannt und harmonisch war.

Bald war Miko meist der erste, der zum Spielen zu mir kam. Er ließ sich auch beim Fressen von meiner Gegenwart nicht mehr stören, kam sogar zu mir, wenn ich das Futter auf die Teller verteilte.

Noch einmal nahm ich zwei Kitten auf, die wieder mehr Schwung ins Katzenzimmer brachten. Lissy spielte gern den Babysitter, Minnie tobte vorzugsweise zusammen mit dem Katerchen herum, und Miko war immer der ruhende Pol in der Mitte.

Als Minnie und Lissy zusammen ausgezogen waren und auch die beiden Kitten ein neues Zuhause gefunden hatten, ließ Miko es allmählich zu, dass ich ihm vorsichtig über den Kopf streichelte. Nun ist er auch definitiv so weit, dass ich ihn guten Gewissens abgeben kann.

Chess

Der rote Kater hatte sich zweimal über Nacht in einer Werkshalle einschließen lassen, wo er in der Kaffeeküche die Pakete mit den Kaffeebohnen zerrissen und die Bohnen überall verteilt hatte. Da er dort keine Katzentoilette vorfand, musste er seine Notdurft leider in irgendeiner Ecke verrichten, was bei den Angestellten natürlich nich so gut ankam.

Weil die Wärme in der Werkshalle den Kater aber magisch anzog, ließ er sich nicht dauerhaft dort vertreiben. Deshalb wurde ein Falle darin aufgestellt, und es dauerte auch nicht lange, bis der Kater gefangen werden konnte.

 

Auch dieses Tier hatte sehr lichtes Fell und war extrem dünn. Auf eine Anzeige hin meldete sich eine Interessentin als Pflegestelle, die den Kater gern als Zweittier zu ihrem eigenen Kater aufnehmen wollte, mit der Option, ihn zu behalten, wenn er sich gut einleben und mit ihrem Kater verstehen würde.

Zunächst versteckte sich Chess, wie der Kater nun genannt wurde, sehr viel, und wenn er sein Versteck verlassen wollte, wurde er gleich recht unfreundlich von seinem Mitbewohner angefaucht. Nach einiger Zeit ließ das Fauchen aber nach. Chess traute sich immer mehr heraus, spielte sowohl mit dem Kater als auch mit seiner Pflegemama, und nach mehreren Wochen konnte ein Schutzvertrag gemacht werden. D.h. Chess darf endgültig in seinem neuen Zuhause bleiben.

Lilo und Ricky

Im August tauchten an der Stelle, wo wir Connie, Lissy, Miko und Chess eingefangen hatten, drei schwarze Kitten auf. Sie befanden sich in einem ganz ähnlich erbärmlichen Zustand wie damals die erwachsenen Katzen: total mager und schlechtes Fell, das voll mit Nissen von Haarlingen war.

Leider gelang es mir nur, zwei der Kitten einzufangen. Das dritte wurde von einer Mitarbeiterin der Behindertenwerkstatt gefangen und in die Obhut der Bochumer Katzenhilfe gegeben.

Wie sich später heraus stellte, sah diese Katze zwar aus, als wäre sie etwa acht Wochen alt. Tatsächlich wurde sie vom Tierarzt dann jedoch auf ein knappes halbes Jahr geschätzt, weil sie keine Milchzähne mehr hatte.

Da die Bochumer Katzenhilfe keinen Platz mehr frei hatte, um die beiden (tatsächlich erst ca. acht Wochen alten) Kitten hinzu zu nehmen, brachte ich sie ins Tierheim, wo sie auf der Isolierstation untergebracht und gegen Parasiten und einen bakteriellen Infekt behandelt wurden. Erst als der Infekt überwunden zu sein schien, übernahm ich die beiden, da sie im Tierheim keine Chance auf Vermittlung gehabt hätten. Dazu waren sie zu scheu. Allerdings mussten sie zunächst im Badezimmer wohnen. Denn ein Katzenzimmer war bereits besetzt mit zwei kranken Katzen. Das andere Zimmer wurde als Gästezimmer genutzt.

Tatsächlich waren die beiden Geschwisterchen, Katze Lilo und Kater Ricky, gar nicht so scheu. Beide waren sehr aufgeweckt und neugierig und kamen von Anfang an beim Spielen ganz dicht an mich heran. Besonders Kater Ricky ließ sich auch bald anfassen und kurz über den Rücken streichen, bevor er dann auch schließlich Streicheln und Kraulen zuließ.

Kurz nach Absetzen des Antibiotikums traten erneut Krankheitssymptome auf. Ricky begann wieder zu niesen, und seine Augen tränten immer wieder. Um nicht ins Blaue hinein das nächste Antibiotikum auszuprobieren, wurde bei Ricky ein Abstrich gemacht, um eine Bakterienkultur anzuzüchten. Danach hoffe ich, dass die Geschwisterchen erfolgreich behandelt und endlich ganz gesund werden. Denn erst dann dürfen sie in ihr neues Zuhause ziehen, wo sie bereits sehnsüchtig erwartet werden.