Ein Herz für Streuner
Ein Herz für Streuner
Gebt Streunern ein Zuhause!

Eine absolute Traumkatze

Als Millie mir gebracht wurde, war sie bereits geschätzte 16 Wochen alt und damit eigentlich zu alt, um sie in absehbarer Zeit vermitteln zu können. Denn erstens war sie nicht mehr klein und süß. Zweitens würde es viel schwerer werden, ihr Zutrauen zu gewinnen, als bei jüngeren Kätzchen.

 

Millie fiel als Streunerin auf, weil sie mit ihrer Schwester regelmäßig am Kemnader See ein Restaurant aufsuchte, um dort in und an der Mülltonne nach Futter zu suchen. Ihre Schwester hatte eine Beinverletzung. Sie sollte eingefangen werden, um sie dem Tierarzt vorzustellen. Zugleich sollte Millie mit gefangen werden, um bei ihr ggf. eine Frühkastration vornehmen zu lassen. Anschließend hätte sie wieder ausgesetzt werden müssen.

 

Da gerade kein Termin zur Kastration frei war, musste Millie zwei Tage warten. Vorsorglich wurde sie vorab tierärztlich untersucht, um Alter und Geschlecht festzustellen. Während der Untersuchung gebärdete sie sich nicht übermäßig wild, so dass mir die Ärztin riet, die Katze erst einmal in einem separaten Raum unterzubringen und zu schauen, wie sie sich dort verhält. Sollte sie sich wider Erwarten wild und/oder aggressiv verhalten, sollte ich sie zwei Tage später zum Kastrieren bringen. Würde sie sich eher als ruhig erweisen, könnte man versuchen, sie zu vermitteln und die Kastration auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Wieder einmal wurde mein Gäste-WC katzenfreundlich eingerichtet und Millie darin untergebracht. Das war am Vormittag.

Den ganzen Tag über versteckte sich die Katze in der offenen Transportbox, fraß nicht, und benutzte auch nicht die Toilette.

Als ich abends nach ihr sah, saß sie am Fenster, miaute kläglich und bekam solche Angst vor mir, dass sie panisch die Vorhänge hoch flüchtete. Schnell verließ ich den Raum wieder, damit sie sich beruhigte.

 

Gegen Mitternacht sah ich wieder nach Millie. Sie saß immer noch am Fenster und versteckte sich nun hinterm Vorhang, ohne durch meine Anwesenheit direkt in Panik zu geraten. Allerdings gab sie mir fauchend zu verstehen, dass ich nicht näher kommen sollte. Ich ignorierte das Gefauche einfach und redete beruhigend auf Millie ein, schob auch den Futternapf in ihre Nähe. Sie wagte aber nicht, den Platz auf der Fensterbank zu verlassen. Deshalb schob ich den Napf noch näher dran und hielt ihn ihr ganz unter die Nase.

Und nun geschah ein kleines Wunder:

Millie begann zu fressen. Als sie sich satt gegessen hatte, nahm ich meinen Spezialstock und begann vorsichtig, die Katze damit zu streicheln, was sie sich gerne gefallen ließ. Dann legte ich den Stock zur Seite und hielt Millie meine Hand zum Kennenlernen hin. Während sie interessiert daran schnupperte, fuhr ich ihr damit leicht über den Kopf. Da begann Millie zu schnurren und sich zu räkeln, kam auf mich zu, gab mir Küsschen, kletterte an mir hoch bis auf meine Schultern ... Es war einfach unglaublich aber wirklich wahr: nach nicht einmal vierundzwanzig Stunden entpuppte sich die junge Streunerin als anhängliche Schmusekatze.

 

Dass es sich tatsächlich um eine Streunerin handelte, daran gab es keinen Zweifel. Denn in Millies Fell tummelten sich Haarlinge. So würde kein Katzenbesitzer sein Tier herum laufen lassen. Außerdem hätte der Besitzer längst dafür gesorgt, dass Millies Schwester mit dem verletzten Beinchen tierärztlich untersucht und behandelt worden wäre.

 

Eine knappe Woche verbrachte Millie im Gäste-WC. Zum Spielen und Toben durfte sie aber auch den angrenzenden Flur nutzen. Dann aber durfte sie den engen Raum verlassen und im Gästezimmer einziehen.

Abschied von Millie

Gerade waren Flocke und Frida ausgezogen, da wurde Finja und Sina mit Millie ein fremder Störenfried vor die Nase gesetzt. Es dauerte aber nur ein paar Tage, bis sich die Lage beruhigte und vor allem Sina und Millie gerne mit einander herum tobten und sich balgten.

 

Da Millie eine absolut traumhaft schmusige und anhängliche Katze war, hätte ich sie sehr gerne behalten. Sie war so herrlich unkompliziert. Wenn ich mit ihr zum Tierarzt hätte gehen müssen, hätte ich sie hochgenommen und in die Transportbox gesetzt. Das ließ nicht einmal eine meiner eigenen drei Katzen mit sich machen. Aber ich wusste ja nicht, was in Zukunft werden würde. Wie lange würden Sina und Finja bei mir bleiben, die ja noch immer sehr scheu waren? Wenn ich sie nicht hätte vermitteln können, hätte ich sie ja auch nicht wieder auf die Straße gesetzt. Dann hätte ich womöglich auf einmal sechs statt drei Katzen. Das wollte ich aber auf gar keinen Fall.

 

Millie mit Finja

 

Es war überhaupt nicht schwierig, Interessenten für Millie zu finden. Im Gegenteil: ich hatte die Qual der Wahl und konnte mir das meiner Meinung nach schönste Zuhause für die Kleine aussuchen. Ich entschied mich für ein junges Paar in Hattingen. Sie hatten einen jungen Kater, für den sie einen Spielgefährten suchten, und sie lebten in einer großen Wohnung mit großem, abgesichertem Balkon.

 

An einem Freitag Abend brachte ich Millie dorthin. Der Kater wirkte durch ihre Anwesenheit sehr verunsichert und eingeschüchtert und zog sich fauchend und knurrend zurück. Millie aber marschierte völlig selbstsicher durch die ganze Wohnung und untersuchte alles ganz neugierig. Irgendwann folgte der Kater ihr dann mit gebührendem Abstand. Es sah aus, als ob es ganz gut passte, so dass ich Millie einerseits schweren Herzens andererseits guter Dinge in ihrem neuen Heim zurück ließ.

 

Noch am selben Abend fraßen Millie und ihr neuer Gefährte aus einem Napf. Ein paar Tage später waren sie unzertrennlich geworden.

 

Millies Schwester

Millies Schwester konnte ich leider nicht bei mir aufnehmen. Ihr linkes Hinterbein war dreifach gebrochen. Es stand ihr eine lange und teure ärztliche Behandlung bevor. Da es sich um eine Streunerkatze handelte, stellte sich die Frage, ob diese Behandlung überhaupt durchgeführt werden sollte, oder ob es nicht besser wäre, das Tier einzuschläfern.

 

Ich setzte mich mit dem Tierheim in Verbindung. Da auch Millies Schwester keinen übermäßig wilden und unfreundlichen Eindruck machte, wurde abgemacht, dass sie auf Kosten des Tierheims behandelt und später auch über das Tierheim vermittelt werden sollte.

 

Da diese Katze pechschwarz, das Fell aber vollgesprenkelt war mit den weißen Nissen von Haarlingen, nannte man sie im Tierheim liebevoll "Brezel".

 

Brezel verbrachte noch einige Zeit auf der Quarantänestation des Tierheims, bis sie wieder völlig gesund war und vermittelt wurde.